Gedanken zum Tag

11.01.2021 (Mo)

Kintsugi

Ich mag Gegenstände, die mir eine Geschichte erzählen können. Dementsprechend finden Sie bei mir Zuhause einige dieser „Antiquitäten“.

So zum Beispiel schmücken Tante Withas altes Milchkännchen nebst Zuckerdöschen die Kommode in unserem Flur, Omas Gugelhupfform aus Steingut steht als Obstschale auf meinem Küchentisch und die kleine Sammeltasse auf meinem Büroregal habe ich bereits als Jugendliche meiner Mutter abgeluchst. Ich könnte Ihnen noch etliche Beispiele aufzählen. Diese Gegenstände sind nicht unbedingt edel und teuer, aber sie sind wertvoll für mich, da Erinnerungen an ihnen hängen.

Nie käme ich auf die Idee, meine Schätze bei Bares für Rares feilzubieten.

Und wenn etwas zu Bruch geht? Tja, dann habe ich mich schweren Herzens davon getrennt.

Doch neulich habe ich im Radio einen Bericht über Kintsugi gehört.

Eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik oder Porzellan, bei der die Scherben geklebt, ggf. mit Kittmasse ergänzt und die Bruchstellen dann mit feinstes Pulvergold eingestreut werden.

Wie schön ist das denn! Bruchstellen mit Gold reparieren!

Die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit steht im Mittelpunkt dieser japanischen Tradition, so der Bericht. Die Goldverbindung, die den Makel sogar hervorhebt. Hier wird der Fehler als Teil der Perfektion gesehen.

Genau so könnte ich also meine Schätze ggf. reparieren und wieder mit Freude betrachten.

Genau so möchte aber auch ich angesehen werden. Die Aussage „Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit“ hat mich darauf gebracht.

Ob ich dies von meinen Mitmenschen erwarten kann, weiß ich nicht. Es wäre schön, aber hier zweifle ich, da ich ja selbst gerne die Fehler (vielleicht auch nur vermeintlichen Fehler) anderer kritisch beäuge. Ich glaube jedoch:

Gott trennt sich nicht von uns, egal wie viele Bruchstellen wir auch haben - wie unvollkommen wir auch sind. Er stellt uns in eines der Zimmer in seinem Haus und lässt uns glänzen, mit all‘ unseren Makeln. Er schätzt uns wert, sieht uns an und weiß um die Geschichten, die wir berichten können.

Wie schön ist das denn.

Jutta Leiße
Bezirksausschuss Beverungen

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