Gedanken zum Tag

12.01.2021 (Di)

Besser mit Schnee?

Ja, die eine oder andere weiße Wiese hat es in den letzten Tagen doch gegeben (oder gibt es vielleicht noch). Rodelhänge in der Umgebung sind zwar nicht geöffnet, aber man konnte trotzdem schon hier und da einen schönen Schneeanblick finden.

Schnee ist beliebt, das haben ja auch die überfüllten Straßen Richtung Sauerland gezeigt. Mögen Sie das nicht auch - die glatten, weißen Flächen, schneebedeckte Wiesen, Felder und Wege. Dächer und Bäume mit Zuckerguss, wie auf Postkarten. Und auch der eigene Garten sieht vielleicht im Schnee-Design plötzlich ganz anders aus. Die nicht mehr so schönen Terrassenfliesen, die eine oder andere unordentliche Ecke, die können durch die Schneedecke doch sehr gewinnen.
Das könnte auch ein Grund sein, warum wir Schnee so mögen: alles sieht plötzlich so anders aus, wie unter einem Weichzeichner, manches Schmuddelige oder Unschöne kann sich darunter geschickt verbergen.
Aber wie traurig ist es, wenn es dann taut. Hin ist die weiße Pracht, und tatsächlich ist unter dem abfließenden grauen Matsch alles genauso, wie es vorher auch gewesen ist. Alle unschönen Ecken, alle abgeblätterten Zäune, alles, was der Schnee gnädig zugedeckt hatte: Ach ja, so hat das ausgesehen. War ja mal richtig schön, als es weg war. Aber danach sieht man wieder ganz deutlich: Da muss ich im Frühjahr mal ran.
Auch wenn der Schnee schön ist, die Schneedecke ist in der Regel schnell wieder verschwunden.
Vielleicht lag durch allen unhinterfragten Luxus, den wir gewohnt waren, ja auch etwas Ähnliches wie eine gnädige Schneedecke über unserem ganzen Leben. Und die Pandemie hat eine Art von Tauwetter gebracht und gezeigt: wie viele unaufgeräumte Winkel gibt es da in unserer Gesellschaft in die mal hineingeschaut werden müsste.
Vielleicht erinnern wir uns in dieser Zeit, in der wir mehr auf uns selbst zurückgeworfen sind, auch an die vielen herumliegenden Teile der Wünsche und Sehnsüchte, die es mal gab. Die Fragen an das Leben. Der Wille, etwas zu verändern, eine Spur zu hinterlassen im Leben. Alles sonst tief versteckt unter dem Schnee der Alltagsroutine.
Alle Schmuddelecken des Lebens, alles Ungelöste, Ungeklärte – allzu oft verschwindet es wie unter mächtigen Schneewehen.
Wenn der Schnee schmilzt, geht ein Stück schöne Illusion dahin. Aber wer den Mut hat, die Schmuddelecken anzuschauen, der kann sie verändern. Vielleicht ist gerade gutes Wetter dafür.

In dem Sinne: Keine Angst vor Tauwetter!

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Christiane Zina

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