Gedanken zum Tag

01.08.2020 (Sa)

Mit Kinderaugen

Der alte Tattergreis verschüttete häufig die Suppe beim Essen im Kreise seiner Kinder und des Enkels. Er schlürfte und die Suppe rann ihm aus den Mundwinkeln. Seine erwachsenen Kinder ekelten sich davor und letztendlich setzten sie ihn an den Katzentisch.

Der alte Mann schaute traurig drein. Als er nun auch noch mit seinen zittrigen Händen Geschirr zu Boden fallen ließ, bekam er das Essen in einer Holzschale gereicht. Etwas später bemerkten sie, wie der Enkel versuchte mit kleinen Brettchen etwas zu bauen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache eine Schale“, antwortete das Kind, „daraus sollt ihr essen, wenn ich groß bin.“ - Die Eltern schluckten und weinten. Sofort holten sie ihren Vater zurück an den Tisch und ließen ihn wieder mitessen wie früher.

Dieses verkürzt wieder gegebene Märchen der Brüder Grimm kommt mir gerade in dieser Zeit immer wieder in Erinnerung. Ein kleines Kind beschämt seine Eltern, öffnet ihnen die Augen, zeigt ihnen den Weg zurück zur Menschlichkeit. „… Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“, sagt Jesus in Lk.18,17. Zu vielen Anlässen, Erlebnissen und Berichten in den vergangenen Wochen stelle ich mir die Frage, ob wir zu Coronazeiten anfangs richtig gehandelt haben, indem alte Menschen weggesperrt und allein gelassen wurden, auch wenn es zu ihrem Schutz sein sollte.

Bleiben Sie, nicht nur in dieser Zeit, menschlich und handeln christlich. Es ist schon schlimm genug, dass uns erst ein tödliches Virus wieder die Augen öffnet und uns zurückbesinnen lässt auf unseren Glauben.

Roland Hesse

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