Andachten zum Monatsspruch
Oktober 2026
Im Moment erlebe ich dann und wann Besonderes. Ich führe die Geschäfte des Kirchenkreises, bis eine neue Superintendentin oder ein neuer Superintendent gefunden ist. Und manchmal gibt es da erstaunliche Termine für mich. So zum Beispiel eine Einladung des Bonifatius-Werkes zur Nordischen Bischofskonferenz: ein Treffen der römisch-katholischen Bischöfe Nordeuropas in Paderborn. Und so saß ich da dem Bischof von Oslo gegenüber – das werde ich in diesem Leben wohl nicht noch einmal erleben.
Wir kamen gut und leicht ins Gespräch (auf Deutsch) und er erzählte, dass die norwegische katholische Kirche erstaunlichen Zulauf von jungen Leuten hat. Jung meint ab 14 Jahren so ungefähr. Ich hatte gefragt, was diese jungen Leute in der Kirche suchen. „Nun“, sagte er, „das ist unterschiedlich: Die jungen Männer suchen klare Regeln, Halt, Ordnung. Oft sehr konservativ. Und die jungen Frauen suchen Gemeinschaft und Spiritualität.“ Die lutherische Kirche in Norwegen, aber auch in Schweden und Dänemark erlebt Ähnliches.
Ob man das immer so auf Geschlechter aufteilen kann, weiß ich nicht genau. Die Sehnsucht, die bei den jungen norwegischen Männern da ist, die ist aber auch bei uns zu beobachten: In der immer unübersichtlicheren Welt, die manchmal ganz verworren und vor allem krisengeschüttelt erscheint, suchen Menschen Halt und Ordnung. Und manche davon sehnen sich nach klaren Regeln und am liebsten wären sogar klare Anweisungen. Dann wüsste man, woran man ist. Und es stehen auch welche bereit, diese Anweisungen zu geben. Gehorsam wird wieder schick und leider nicht vor allem Gehorsam gegenüber den Menschenrechten oder den 10 Geboten. Nicht selten geht es um Gehorsam gegenüber Leitfiguren und Führern.
Ich kann die Sehnsucht verstehen: nicht immer nachdenken müssen, nicht immer neue Orientierung suchen, nicht immer den Zweifel oder die Unklarheit aushalten müssen. Nur: So funktioniert christlicher Glaube nicht. Die Galater, denen Paulus schreibt, hatten wohl auch so eine Sehnsucht nach Ordnung und Weisung. Das lässt er ihnen nicht durchgehen: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. – Das kann durchaus anstrengend sein, wird uns aber zugemutet: Jeden Menschen einzeln ansehen – was braucht er, was braucht sie? Jede Situation einzeln abwägen – was heißt denn hier, dass alles in Liebe geschehen soll? Aber auch jede einzelne Gabe wahrnehmen, jedes Talent, das Gott geschenkt hat, jede Stärke. Liebe ist uns aufgetragen und die funktioniert nicht so, dass ich Menschen und die Welt von Regeln und Normen her betrachte und zur Not bewerte. Liebe heißt Zuwendung zu Einzelnen, zu dieser Situation, zu dieser Frage oder Freude oder Sorge. Dann erst kommen die Regeln – sonst werden sie zum Joch.
Mit allen guten Wünschen
Gunnar Wirth